Alexandra Klim in Kerala

Land der Gegensätze – Meine Top-10-Filme aus Indien

Das neue Jahr habe ich in einem der faszinierendsten aber auch widersprüchlichsten Länder begrüßt. Indien ist ein Land der Gegensätze. Auf der einen Seite: die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt, die große Fülle an Religionen und Sprachen, die reiche, fünftausend Jahre alte Kultur, der Zusammenhalt des Landes, das Wirtschaftswachstum. Auf der anderen Seite: die oft gewalttätigen regionalen Konflikte, die extreme Korruption, die Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen und Mädchen, die Kasten-Hierarchie und die massive Kluft zwischen Arm und Reich. Nach drei Wochen in Südindien, immer zwischen Faszination und Schock, habe ich für Euch meine Top-Ten-Liste von Filmen zusammen gestellt, die alle zumindest teilweise vor Ort gedreht wurden. Wie das Land selbst könnten diese Filme gegensätzlicher nicht sein. Von epischen Biopics über moderne Märchen bis hin zum 80er Kult-Klassiker mit unser aller liebsten Peitschenschwinger „Indiana Jones“!

1. Danny Boyles indisches Märchen: Slumdog Millionär (2008)

Ein Film über die TV-Sendung “Wer wird Millionär?”? In einem indischen Setting? Mit indischen Darstellern? Kein Wunder, dass Regisseur Danny Boyle das ihm angebotene Drehbuch erst einmal nicht umsetzen wollte. Doch als er hörte, dass dahinter der Autor von “Ganz oder gar nicht”, Simon Beaufoy, steckte, schaute er genauer hin und es war um ihn geschehen. Und der Erfolg gibt ihm und der gesamten Filmcrew recht. Stolze acht Oscars sammelte “Slumdog Millionär” ein (u. a. bester Film, bestes Drehbuch, beste Regie, beste Kamera).

Die Hauptdarsteller Dev Patel und dessen Filmliebe Freida Pinto machten anschließend in Hollywood Karriere. Gedreht wurde vor Ort in Mumbai. Zum einen im Stadtteil Juhu, zum anderen in unterschiedlichen Slums. Hier noch wichtig: Kurz nachdem der Film durch die Decke ging, gab es Kritik, dass viele der Kinderdarsteller nach wie vor in unhaltbaren Verhältnissen leben würden. Um dagegen zu steuern, wurde anschließend eine Stiftung gegründet. Deren Aufgabe: Schaffung von neuen, besseren Wohnungen für die Darsteller sowie finanzielle Sicherung einer Ausbildung.

2. Im Auftrag Ihrer Majestät in Indien: James Bond – Octopussy (1983)

Ein gefälschtes Fabergé-Ei, eine geplante Atombombenexplosion auf einem amerikanischen Stützpunkt in Deutschland, ein indischer Schurke und mit Vijay Amritraj ein indischer Tennisspieler, der James Bond unterstützt. Octopussy verspricht eine Menge Action – und dabei habe ich Octopussy selbst, die von Maud Adams gespielte Titelfigur, samt Ihrem Privatzirkus noch nicht mal erwähnt. Auch hinter den Kulissen gab es Tohuwabohu. Roger Moore hatte keine Lust mehr, 007 zu sein und das Drehbuch gefiel ihm auch nicht. Erst für vier Millionen Dollar Gage plus Anteilen am Einspielergebnis ließ er sich breitschlagen.

Gedreht wurde in Indien vor allem in Udaipur, im Nordwesten Indiens, aber auch das Taj Mahal diente in einer kurzen Szene als Kulisse. Besonders beeindruckend: Das “Wasserschloss” Octopussys, im wahren Leben das Lake Palace Hotel im Pichhola-See.

3. Allein im Rettungsboot: Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger (2012)

Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel war als Buch bereits 2004 zu einem weltweiten Bestseller geworden. Allerdings gestaltete sich die filmische Umsetzung schwierig, denn wie wollte man es damals schaffen, in einer Real-Verfilmung gleich vier Tiere lebensecht darzustellen. Mehrere namhafte Regisseure von Jean-Jacques Annaud (Der Name der Rose) über M. Night Shyamalan, Alfonso Cuarón und Jean-Pierre-Jeunet arbeiteten an dem Projekt, bis schließlich Ang Lee übernahm – und dafür bei den Oscars (neben drei weiteren Preisen) den für die beste Regie gewann.

Die Geschichte: Ein Autor besucht einen in Kanada lebenden Inder und lässt sich von diesem seine unglaubliche Lebensgeschichte erzählen. Als Junge erleidet der Mann Schiffbruch, als er mit seinen Eltern und den verbliebenen Tieren ihres Zoos auf einem Frachter unterwegs sind. Im Rettungsboot mit dem einzigen überlebenden Menschen: ein Zebra, eine Hyäne, ein Orang-Utan-Weibchen und ein Tiger namens Richard Parker. Unbedingt anschauenswert, wie diese Reisegesellschaft den Schiffbruch übersteht. Ein großer Teil des Films entstand im größten Wassertank der Welt in Taiwan – aber der Anfang des Films spielt größtenteils in Puducherry (Pondicherry) im Südosten Indiens.

4. Drei Stunden epochales Kino: Gandhi (1982)

Gandhi. Die Person Mahatma Gandhi mit ihrem Grundsatz des friedlichen Widerstands ist schon ein wahres Monument für Menschlichkeit. Und der Film über diese Persönlichkeit der Weltgeschichte steht dem in Nichts nach. 181 Minuten Laufzeit. Regie? Sir Richard Attenborough. Hauptdarsteller: Ben Kingsley, Oscar-Preisträger für diese Rolle.

Weitere sieben Oscars, u. a. bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch. 300.000 Statisten in der Szene, die Gandhis Begräbnisfeier zeigt. Alles an diesem Film lässt den Zuschauer staunend zurück. Deswegen hier auch nur noch der Hinweis, dass die Dreharbeiten über ein Jahr dauerten und fast ausschließlich an Originalschauplätzen in ganz Indien stattfanden.

5. Die Entdeckung Mira Nairs: Salaam Bombay (1988)

Ein Drama, ausschließlich in Indien vor Ort gedreht mit Laiendarstellern, das in Cannes die Goldene Kamera sowie den Publikumspreis gewinnt, als bester fremdsprachiger Film für die Oscars nominiert wird und von der New York Times zu den 1.000 besten Filmen gezählt wird. Das ist Mira Nairs Debütfilm Salaam Bombay. In gewisser Weise sehen wir hier das traurige Gegenstück zum oben gezeigten Märchen um den Slumdog Millionär.

Der Junge Krishna hat das Motorrad seines älteren Bruders angezündet. Als Strafe bringt ihn seine Mutter zu einem Zirkus und teilt ihm mit: Erst, wenn er dort 500 Rupien verdient habe, dürfe er zurück nach Hause kommen. Das gelingt nicht. Stattdessen verwickelt sich der Junge in kriminelle Machenschaften, verliert nur weiteres Geld, was er nicht besitzt und gerät in eine immer steilere Abwärtsspirale. Beeindruckend reale Bilder aus der untersten Unterschicht Mumbais (damals offiziell noch Bombay), geniale, authentische Laiendarsteller und -darstellerinnen und ein Blick in die Hölle eines Entwicklungslandes.

6. Wes Anderson im Farbrausch: Darjeeling Limited (2007)

Wes Andersons Filme haben alle eines gemeinsam. Die Familie, meist ein wenig gestört, steht im Mittelpunkt der etwas schrägen Geschichte. Und genau dies gilt auch für Darjeeling Limited, in dem drei Brüder per Eisenbahn durch Indien reisen, sich dabei gegenseitig auf die Nerven gehen und eigentlich nur auf der Suche nach Ihrer Mutter sind. Andersons Stammschauspieler Owen Wilson und Jason Schwartzman haben dieses Mal Unterstützung durch Adrien Brody.

Bis auf die wenigen Szenen, die in New York spielen, wurde alles vor Ort in Indien gedreht. Genauer gesagt zum einen in Udaipur (siehe James Bond – Octopussy), zum anderen in Jodhpur. Beide Städte liegen im Bundesstaat Rajasthan im Nordwesten des Landes und gehören dank Ihrer prachtvollen Tempel und Festungen zu den touristisch beliebtesten Metropolen des Subkontinents.

7. Liebe geht durch den Magen: Lunchbox (2013)

In Indien ist es noch Tradition, dass eine gute Hausfrau Ihrem Mann das Essen ins Büro schickt. Und zwar traditionell in einer mehrstöckigen Lunchbox. Soweit so gut, doch die Lunchbox, die Ila Ihrem Mann schickt, kommt bei diesem nicht an. Stattdessen erhält sie der Witwer Sajaan (wunderbar gespielt von Irrfan Khan). Da das Missgeschick ihren Mann nicht weiter interessiert, legt sie ihrer nächsten Lunchbox an den Unbekannten einen kleinen Brief bei. Die Antwort: Das Essen sei zu salzig gewesen.

Der Briefwechsel läuft weiter, das gegenseitige Interesse aneinander steigt, Ila und Sajaan beschließen sich zu treffen … Der in Mumbai gedrehte Spielfilm basiert auf einer Dokumentation, die der Filmemacher Ritesh Batra 2008 vor Ort drehte. Die Geschichten, die ihm dabei zu Ohren kamen, mussten einfach auf eine andere Art und Weise dem Publikum nähergebracht werden. Und dieses war dann auch dankbar, wie der Publikumspreis „Grand Rail D’Or“ der Semaine de la Critique in Cannes 2013 beweist.

8. Wo ist zu Hause, Mama?: Lion (2016)

Und noch eine Literatur-Verfilmung. Wobei Lion auf Saroo Brierleys Lebensgeschichte “A long way home” basiert. Der Junge Saroo geht seiner Familie in Indien durch ein Missgeschick verloren und landet an der Howrah Train Station, dem ältesten Bahnhof Kalkuttas. Dort nimmt ihn ein Waisenhaus auf. Da er nur Hindi spricht, kann er sich im bengalischsprachigen Kalkutta, nicht verständlich machen. Kurze Zeit später wird er von einem australischen Paar adoptiert und mit in deren Heimat nach Hobart auf Tasmanien genommen.

Dort wächst er auf, verspürt dabei aber den immer stärkeren Drang, herauszufinden, woher er wirklich stammt und wer seine biologischen Eltern sind. Seine Recherche beginnt mit Google Maps, setzt sich dann in Reisen nach Indien fort und schließlich kann er seine Familie ausfindig machen. Kino fürs Herz – mit dem hervorragenden Dev Patel (den wir schon aus Slumdog Millionär kennen) sowie Nicole Kidman, die beide zudem als beste Nebendarsteller für den Oscar nominiert waren.

9. Italien, Indien, Indonesien: Eat Pray Love (2016)

Ryan Murphys Feel-Good-Movie kommt zwar nicht an die Größe des gleichnamigen autobiografischen Romans von Elizabeth Gilbert ran, ist aber trotzdem eine klare Empfehlung und wieder ein Film fürs Herz.

Unglücklich in Ihrer Beziehung, bricht Julia Roberts, alle Zelte in den USA ab und beschließt spontan, in drei mit dem Buchstaben “I” beginnende Länder zu reisen. Nachdem Sie sich in Italien zunächst dem körperlichen Wohlbefinden mit Hilfe der italienischen Küche gewidmet hat, führt sie die zweite Station in einen Ashram nach Indien. Hier widmet sich die Protagonistin ihrem inneren Ich, kommt zur Ruhe und schließt durch Meditation und ein Schweigegelübde sowie durch Unterstützung eines Texaners Frieden mit sich selbst. Gefilmt wurde jede Episode vor Ort – in Indien vor allem in Delhi sowie im nahen Pataudi.

10. Indie in Indien: Indiana Jones und der Tempel des Todes (1984)

Auch Indiana Jones verschlägt es in seinem 2. Abenteuer nach Indien. Und wer Indien ein wenig besser kennt, weiß, dass er sich hier (neben allerlei Schurken) seiner einzigen Angst stellen muss: Schlangen. Unterstützt von Kate Capshaw, der späteren Ehefrau von Steven Spielberg in der Rolle der Willie, läuft für den toughen Archäologen nicht immer alles nach Plan.

Ganz ähnlich lief auch für die Filmcrew einiges nicht nach Plan. Und so ist Indiana Jones und der Tempel des Todes am Ende meiner Liste der einzige Film, der zwar in Indien spielt aber keinen einzigen Drehtag in Indien aufweisen kann. Der Grund: Der Behördendschungel machte Spielberg und seinen Location Scouts einen Strich durch die Rechnung. Doch schnell fand die Crew Ersatz in Sri Lanka. Ganz in der Nähe war Jahrzehnte vorher “Die Brücke am Kwai” gedreht worden. Der indische Tempel, der ursprünglich vor Ort als Kulisse verwendet werden sollte, wurde kurzerhand im Studio nachgebaut.

Habt Ihr weitere Vorschläge für Filme aus Indien

Nachdem ich in der Hängematte unter Keralas Palmen Arundhati Roys Roman „Der Gott der Kleine Dinge“ verschlungen habe, warte ich nun auf die Verfilmung dieses einzigartigen Stücks Literatur, so dass ich meine Liste um eine weiter Empfehlung ergänzen kann. Bis dahin kann ich Euch schon einmal das Buch sehr ans Herz legen.

The God of Small Things by Arundhati Roy
Der Gott der Kleinen Dinge von Arundhati Roy

Und ich freue mich natürlich wie immer, von Euch noch weitere Kandidaten für die Liste zu erfahren und so die Zeit bis zu meiner nächsten Indien-Reise zu verkürzen. Ich selbst hätte ja gerne noch Indien mit dem grandiosen Josef Hader genannt, aber der spielt nun einmal ausschließlich in der österreichischen Provinz. Aber dennoch will ich Euch den Trailer nicht vorenthalten, denn alle Filme mit Josef Hader sind sehenswert. Ich freue mich, von Euch zu hören!

Herzlichst,
Eure Alexandra Klim

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